1. – 4. Schuljahr

Fulbert Steffensky

Und legte ihn in eine Krippe

Lukas 2,7

In der Mitte der Weihnachtsgeschichte nach Lukas steht die Krippe. Dieses Geschehen wird alle Jahre wieder in Krippendarstellungen neu inszeniert. Werden diese der Härte und Dunkelheit der ursprünglichen Geschichte gerecht?
Der Evangelist Lukas berichtet uns nicht nur von der Geburt Jesu, er inszeniert sie und schmückt sie aus und weiß zu erzählen, was die anderen Evangelisten nicht wissen. Er berichtet von einer Volkszählung, die Maria und Josef nach Galiläa geführt hat. Er erzählt, wie Josef und die schwangere Maria keinen Platz in der Herberge fanden und dass sie den Neugeborenen in eine Futterkrippe legen mussten. Er erzählt eine Geschichte von Hirten, denen Engel erschienen sind und vom Gang dieser Hirten zur Krippe, in der das Kind lag. Kurz, Lukas erzählt die große neue Nachricht als ein Krippenspiel, das erste Krippenspiel in der Geschichte des Christentums. Die enge, berichtende Sprache scheint zu eng und kümmerlich für das große Ereignis. Es muss fabuliert, es muss aufgeführt werden, es muss gesungen und getanzt werden. Und in der Mitte des Dramas steht die Krippe mit dem Kind.
In meiner Kindheit war es Brauch, dass Eltern am zweiten Weihnachtstag mit ihren Kindern zur Krippe gingen, zum „Krippchen, wie wir sagten. Man ging nicht allein zu dem armseligen Futtertrog, in dem Christus geboren wurde. Krippe hieß jetzt die ganze Landschaft, die der Geburtsgeschichte nachgebildet war. Krippe das war das Arrangement von Hirten und Königen, Ochs und Esel, von Engeln und Sternen, von Maria und Josef und dem Kind.
Die Weihnachtsgeschichte, von Lukas erzählt, war die Inszenierung der Geburt Christi, die späteren Krippen waren die Inszenierungen der Inszenierung. Oft hat man die Krippe vor den Orten inszeniert, in denen die Menschen gewohnt haben. Man hat die eigene Kirche erkannt, den Markt und das Rathaus. Man hat die Weihnachtsgeschichte heimgeholt, indem man sie in der eigenen Heimat spielen ließ. Krippen gab es natürlich nicht nur in der Kirche, es gab sie auch in den Familien, und die Figuren dieser Krippen waren oft kostbar und über Generationen überliefert.
In der alten Krippenfrömmigkeit wurde die Zeit geachtet, man ging mit der Krippe einen Gang. Zuerst, schon im Advent, war die Krippe aufgebaut, aber die Personen des Dramas fehlten noch: Maria, Josef, die Hirten das Kind. Erst am Heiligen Abend sah man Maria, Josef, das Kind und Ochs und Esel. Am nächsten Morgen waren die Hirten zu sehen, später die Drei Könige. Die Bilder entwickelten sich langsam und wurden so intensiver. Jedem Ritual muss man Zeit lassen, wie man einem Drama Zeit lässt und nicht alles auf einmal erzählt. Zum Ritual gehörte auch, dass es ein deutliches Ende hatte. An den meisten Orten wurden die Krippen am zweiten Februar, an Mariae Lichtmess, wieder abgebaut.
Eine weitere Inszenierung der Weihnachtsgeschichte waren die Krippenspiele, das erste soll auf Franz von Assisi (1182 –1226) zurückgehen. Krippenspiele, wie andere religiöse Spiele, waren Ereignisse in jener ereignisarmen Welt. Wir stritten als Kinder lange darüber, wer Josef, die Hirten oder gar Maria spielen durfte. Ganz unerheblich ist die magere Frage, ob es bei der Geburt Christi wirklich so zuging, wie es Lukas beschreibt oder wie es die Krippenspiele nachspielen. Die Frage nach der nur historischen Wahrheit von biblischen Sachverhalten ist meistens die langweiligste.
Der ursprüngliche Sinn der Krippenerzählung und des Symboles Krippe ist hart; härter, als es unsere Krippenspiele vermuten lassen. Das Symbol Krippe erzählt vom Sohn des Lichtes, der seinen Glanz verließ und sich in die Härte, die Nacktheit und die Dunkelheit dieser Welt verlor. Die Krippe ist kein weiches Bett, es ist die erste Form des Kreuzes. So heißt es im Weihnachtslied von Jochen Klepper (EGB Nr. 50): „Die Welt liegt heut im Freudenlicht. Dein aber harret das Gericht. Dein Elend wendet keiner ab. Vor deiner Krippe...

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen